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„Zweimal wurde ich schon umgebracht,
einmal habe ich selber getötet!“
(Mutter, 43 Jahre)
Computerspiele gehören zum Freizeitverhalten vieler Kinder und Jugendlicher und sind aus dem Alltag von Familien nicht mehr wegzudenken. Eltern hingegen haben kaum Berührungspunkte mit der Computerspielewelt ihrer Kinder und reagieren häufig mit Ablehnung, wenn Explosionen, kriegerische Szenarien oder das Jagen von Gnomen in fantastischen Welten auf den Bildschirmen ihrer Kinder zu sehen sind. Damit Eltern die Faszination und den Reiz, den diese Spiele für Kinder haben, besser verstehen können, veranstaltet die Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen LAN-Parties für Eltern. Dort können Eltern und pädagogische Fachkräfte Spiele selbst ausprobieren, um eine Basis für die Auseinandersetzung mit ihren Kindern über Computerspiele und deren Wirkung zu haben.

Für eine LAN-Party werden Computer in einem Netzwerk (Local Area Network, LAN) verbunden. Die Teilnehmer messen sich in Spielen, bei denen Taktik, Strategie und Geschick gefordert werden. Bei diesen Eltern-LAN-Parties stehen Spiele verschiedener Altersfreigaben und verschiedener Genres zur Verfügung, um das breite Spielangebot, auf das Kinder und Jugendliche auch zugreifen können, abzubilden. „Eltern können aber auch so genannte Ballerspiele, also Action-Spiele wie Counterstrike ausprobieren und sich selber einen Blick verschaffen, warum ihre Kinder das so faszinierend finden“, erläuterte Andrea Urban, Leiterin der Landesstelle Jugendschutz bei der ersten LAN-Party 2007 in Hannover. Die Eltern benötigen keine Vorkenntnisse, nur den Mut, sich an die Spiele heranzuwagen. Hilfestellungen für das erste Erleben in den virtuellen Welten geben kleine Spielanleitungen, die neben den Rechnern liegen, mit den wichtigsten Befehlen bzw. Tastenkombinationen. Die gesamte Technik wird aufgebaut und betreut von den Mitarbeitern einer auf LAN-Parties spezialisierten Organisation: der Gamesession Hannover, die sich aus Computerfachleuten und spielerfahrenen jungen Erwachsenen zusammensetzt. Sie geben auch Erklärungen zu den Spielen und helfen weiter. Neben den vernetzten Rechnern stehen Spielkonsolen wie die Nintendo Wii und die Sony Playstation 2 zur Verfügung, weil damit erfahrungsgemäß sehr schnell erste Erfolgserlebnisse beim Spielen zu erzielen sind. So wird bei vielen Eltern die Hemmschwelle gegenüber Spielen abgebaut und sie trauen sich dann auch an die vernetzten Rechner heran, auf denen Spiele installiert sind, die in der Regel nur ihre Kinder verstehen und spielen können.

Es hat sich gezeigt, dass die Eltern dem Spielen gegenüber sehr aufgeschlossen sind. Häufig zeigen sie sich erleichtert, wenn sie feststellen, dass es eine Menge von attraktiven Spielen gibt, bei denen Geschicklichkeit, Schnelligkeit und Koordinationsgabe gefragt sind. Aber auch die Auseinandersetzung mit problematischen Spielen und mit den Ängsten der Eltern, dass die Kinder durch das Spielen gewalthaltiger Inhalte selber gewalttätig werden könnten, ist eine wichtige Aufgabe an so einem Abend.

Neben dem eigenen Erleben in den verschiedenen Spielwelten bekommen die Eltern weitere Informationen rund um das Medium Computerspiele. In Vorträgen werden den Eltern verschiedene Aspekte der Jugendschutzarbeit näher gebracht: die Altersfreigaben von Computerspielen, die Einrichtung der Freiwilligen Selbstkontrolle (USK), Gefährdungspotentiale von Spieleinhalten und die Gefahren einer exzessiven Spielenutzung werden thematisiert. Besonders interessiert sind Eltern an der Diskussion über die Wirkung von Computerspielen. „Ich glaube nicht, dass man gleich zum Mörder wird, wenn man virtuelle Menschen abknallt“ (Vater, 47 Jahre). Zudem erhalten Eltern Tipps für die Medienerziehung zu Hause und werden aufgefordert, aus ihrer eigenen Erziehungspraxis zu erzählen.

In den Jahren 2009/ 2010 liegt der inhaltliche Schwerpunkt der Eltern-LAN-Parties auf den Online-Rollenspielen. Dieses Genre bietet eine Vielzahl von spannenden Herausforderungen, die Mädchen und Jungen in der virtuellen Welt fesseln. Exemplarisch wird das Rollenspiel „World of Warcraft“ vorgestellt und daran thematisiert, für wen derartige Spiele eventuell problematisch werden können.

Der so gewonnene Einblick in die Computerspielwelt der Kinder soll Eltern ermutigen, sich mit den Themen ihrer Kinder auseinander zu setzen und Verständnis für ihre Freizeitbeschäftigung zu entwickeln. Niedersachsens Sozialministerin Mechthild Ross-Luttmann erläuterte das Engagement des Landes bei diesem Projekt wie folgt: „Eltern müssen wissen, was im Kinderzimmer passiert. Es ist wichtig, nicht zu verteufeln, sondern argumentieren zu können.“ Bei den Veranstaltungen geht es nicht darum, Eltern von Computerspielen zu überzeugen, sondern ihnen Grundlagen für eine medienpädagogische Auseinandersetzung zu vermitteln. Nur so können sie sich positionieren und sich mit ihren Kindern austauschen. Vielfach ist den Eltern nicht bewusst, welche Kompetenzen ihre Kinder aufweisen, um in den Spielen gut zu sein. Gerade in Hinblick auf das Spiel „World of Warcraft“ sind Eltern häufig überrascht wie komplex das Rollenspiel aufgebaut ist und was man als Spieler alles beachten muss. Bei den Action- oder Geschicklichkeitsspielen fehlt Eltern oft allein schon die Routine in der Koordination von Maus, Tastatur und dem Blick auf den Bildschirm. „Halt! Stopp! Ich muss erst noch die Waffe wechseln!“ so eine Teilnehmerin einer LAN-Party (Mutter, 44 Jahre). Die Eltern-LAN-Parties bieten auch einen Raum des Austausches. Eltern können untereinander von ihren Erfahrungen berichten, diskutieren und somit neue Ideen zum Umgang mit den Computerspielen sammeln. „Ich finde das total klasse, dass es solche Veranstaltungen für Eltern gibt, wo man Spiele auch ohne Anwesenheit der Kinder ausprobieren kann. Mit meinen heute gewonnenen Erfahrungen haben wir zu Hause eine andere Grundlage, um im Gespräch über die Computerspiele bleiben zu können“ (Mutter, 47 Jahre).

Dank der finanziellen Unterstützung durch das Niedersächsische Ministerium für Soziales, Frauen, Familie und Gesundheit läuft das Projekt „LAN-Parties für Eltern“ seit 2007. Auch für den Herbst 2010 ist eine Weiterführung geplant. Angeregt wurde das Projekt durch die Erfahrungen eines Kollegen im Jugendamt Celle, der im Jahr 2006 die erste LAN-Party für Eltern mit großem Erfolg veranstaltet hat.

Die Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen stellt ihr in 3 Jahren gesammeltes Know-How gerne anderen interessierten Einrichtungen zur Verfügung, die LAN-Parties für Eltern veranstalten wollen.

Eva Hanel, Tamara Weiß